Zum Heulen

Als ich im September in Seattle ankam, war ich froh, nach einer sehr intensiven Woche des Suchens ein Zimmer in einem Haus gefunden zu haben. Die Besitzer, DINKs (double income no kids), hatten sich das Haus neu gekauft, mit der Absicht ein Heim fuer “Grads” (graduate students) zu schaffen. Ich war der erste, der hier angesiedelt wurde, und wusste damals noch nicht, mit wem ich dann schlussendlich zusammenleben wuerde.

Nach zwei Wochen idyllischer Ruhe, kam dann eine erste Mitbewohnerin. Nach einer weiteren Woche kam nochmals eine Studentin. Danach kam einmal die scheue Frage an mich, ob es mich stoehren wuerde, wenn noch eine weitere Frau einziehen wuerde. “Hm? Stoehren? Naja… Aber ich bin ja sowieso nur 4 Monate da. Von dem her, moechte ich euch nicht dreinreden”. Scheinbar gab es weniger Maenner, welche den strengen Kriterien der Besitzer entsprachen, als Frauen. Und so waren wir dann bei 3 Frauen. Einmal kam dann sogar ein Mann zur Besichtigung. Die anderen Mitbewohnerin hatten jedoch scheinbar “Angst” vor ihm. Und so kam es, dass zu guter Letzt nochmals eine Mitbewohnerin bei uns einzog. “Froehliche Weihnachten.” dachte ich mir. Und das war dann langsam der Zeitpunkt, wo ich Angst bekam.

Im Nachhinein muss ich jedoch sagen, dass, im Vergleich zu einer Maenner-WG, das Zusammenleben in einer Frauen-WG gar nicht so verschieden ist. Die zwei groessten Unterschiede sind: Es wird einfach viel mehr geweint und man hat viel mehr Angst. Z.B. geschah folgendes Erlebnis. Kommt die Eine in die Kueche und sagt zu mir: „Ich sehe aus wie ein Clown.“ Ich antworte: „Wie ein Clown? Nein ueberhaupt nicht.“ Dann labert sie den selben Satz nochmals. Ich antworte darauf nichts mehr. Im Radio lief naemlich gerade ein gutes Lied. Das war jedoch ein Fehler meinerseits. Zuerst kam dann der Vorwurf, ich sei unhoeflich. Und dann wurde begonnen zu weinen. Anscheinen hatte sie die Nacht davor durchgearbeitet und nur 2 Stunden geschlafen. „Ja, daenn schlaf richtig, Meitli…“ dachte ich mir. Oder an einem anderen Tag geschah folgendes: Wir sind zu dritt in der Kueche und eine vierte kommt hinzu. Sie sei viel zu fett geworden. Alle anderen verneinen dies. Das schien sie jedoch nicht zu ueberzeugen. Also wird lieber mal darauf los geheult. Gegen Ende habe ich das jedoch sogar zu schaetzen begonnen. Einfach weinen. Damit loesen sich alle Probleme. Das moechte ich deshalb von nun auch auf des oefteren tun. Ist der Abwasch in der Kueche nicht gemacht: Weinen. Ist das WC besetzt: Kein Problem. Einfach weinen.

Die Angst war das andere grosse Thema. Eine Mitbewohnerin hatte es sich angewoehnt mich mit: „You scared me“ zu begruessen. Nach dem dritten oder vierten Mal, fragte es sich dann einmal, wieso ich denn sie „scaren“ wuerde. Ich sei so gross und laufe so leise, hiess es. „Tut mir leid. Das naechste Mal versuche ich kleiner zu sein und lauter zu laufen…“. Anderseits fand ich „You scared me“ eine kreative Begruessung und bevorzugte es sogar der allglatten, staendig gebrauchten „How are you?“ Floskel.

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